Winterorchideen und ein missverstandener Mythos

Im November eine Orchideenwanderung zu machen, klingt in unserern Breiten auf den ersten Eindruck ziemlich schräg. Aber in diesem Jahr ist ja so manches etwas schräg. Warum sollte man da nicht auch im November wandern gehen? Von einem meiner liebsten Kalkmagerrasen hatte ich euch im Mai schon Bilder gezeigt (siehe hier). Im Mai/Juni, wenn dort alles üppig blüht, bin ich die letzten Jahre immer dorthin gekommen, um die Blütenpracht zu genießen. So auch dieses Jahr. Anders als in den bisherigen Jahren habe ich ihn heuer auch im Juli besucht – auf einem schön schattigen Wanderweg durch den Wald. Und habe in der Gluthitze des Südhanges gelernt, wie wunderbar zitronig die Samenstände des Diptam duften. Jede Menge Insekten waren dort auch unterwegs. Da ich nun Mitte November in der Nähe zu tun hatte, dachte ich mir: Warum den schönen Wanderweg dorthin nicht auch einmal im Spätherbst ausprobieren?

Farbtupfen im November – der Blick über den spätherbstlichen Magerrasen

Getrieben von einer gesunden Mischung aus Wanderlust und Neugier machte ich mich also auf den Weg. Eigentlich hatte ich nicht mit großen Entdeckungen gerechnet, wollte vor allem die Stille und Waldeseinsamkeit genießen und einfach mal sehen, wie es dort abseits von Frühlingsblüte und Sommersonne aussieht. Umso mehr hat mich die Überraschung berührt, als mich schon am Rande des Naturschutzgebietes üppig austreibende Orchideenrosetten begrüßten. Genau dort, wo ich zum ersten Mal ganz bewusst die Blütenvielfalt unserer heimischen Orchideen in ihrer ganzen Pracht entdeckte und sie mich mit ihrer Schönheit in den Bann zogen, machte mein Herz einen Freudensprung, als ich sah, wie viele gründe Orchideenblätter da aus dem welken Gras spitzten.

So schön grün im November – die erste Orchideenrosette am Weg macht einfach gut Laune.
So klein und schon ganz eindeutig eine Orchidee 🙂 Bei der genauen Bestimmung muss ich allerdings passen, denn allein an Hand der Blätter ist das was für echte Experten.
Hier steht noch der alte Blütenstängel in der jungen Blattrosette und im Hintergrund am Stein interessante Wespenwaben.

Orchideenblätter im Winter – kann das passen? Anders als die fehlgeleiteten Schneeglöckchen bei uns im Vorgarten, die gerade auch schon Blätter schieben, gehört das bei manchen Arten unserer heimischen Orchideen tatsächlich so. Vielen von ihnen stammen ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und das mediterrane Klima zeichnet sich durch eine niederschlagsreiche Periode vom Spätherbst bis in den Frühling aus bei einem gleichzeitig milden Winter. In den trockenen, heißen Sommern dagegen halten viele Pflanzen dort eine Sommerruhe – so auch die Orchideen.

Der Salbei tut es den Orchideen gleich und legt schon mal erste Blätter für die neue Saison an.
Der Wacholder trägt üppig seine aromatischen, blauen Beeren – oder botanisch korrekter eigentlich Beerenzapfen.

Da ich alte Göttergeschichten ähnlich gerne mag wie schöne Blumen, musste ich sofort an den Mythos um Demeter und ihre liebliche Tochter Persephone denken. Die Geschichte kennt ihr sicher alle in der ein oder anderen Version. Die jugendliche Persephone spielt mit ihren Freundinnen unbeschwert auf einer bunten Blumenwiese, wo sie ihr Onkel Hades, der dunkle Gott der Unterwelt in sein Reich entführt und zu seiner Frau nehmen will. Ihre Mutter Demeter, die sich um die Fruchtbarkeit der Natur kümmert, ist darüber so in Trauer, dass sie auf der vergeblichen Suche nach ihrer geliebten Tochter, alles verdorren lässt. Schlecht, nicht nur für die Menschen, die hungern müssen, sondern auch für die anderen Götter, die jetzt keine Opfergaben mehr bekommen. Deswegen wird ein göttlicher Deal ausgehandelt: Da Persephone von Hades einige Granatapfelkerne als Speise angenommen hat, kann sie nicht mehr für immer zurück zu ihrer Mutter auf die blühende Erde. Sie soll ein Drittel des Jahres bei Hades als Königin der Unterwelt weilen. In der Zeit ist die Erde unfruchtbar. Zwei Drittel darf sie oben bei ihrer Mutter verbringen und die Erde grünt und blüht. Eine mythische Erklärung für den Wechsel der Jahreszeiten also. Allerdings findet man bei uns gerne die Interpretation, dass Persephone im Winter in der Unterwelt weilt und die Blumen wieder sprießen, wenn sie im Frühling auf die Erde zurückkehrt. Klingt in unseren Breiten sehr plausibel. Wenn man sich den homerischen Hymnus an Demeter etwas genauer anschaut, steht da allerdings nichts vom Winter in der Unterwelt, nur von dem unfruchtbaren Jahresdrittel. Und wenn man noch genauer hinschaut, kann man in der Lage der attischen Festtage erkennen, dass es wohl eher so war, dass Persephone den trockenen Sommer in der kühlen Unterwelt verbringen durfte. Die Pflüge- und Saatfeste fanden nämlich im Herbst statt, die Ernte im Mai/Juni mit zugehörigem Erntedank und schließlich dem Fest, bei dem die Getreidekörner für die neue Saat über den Sommer in Erdkammern verwahrt wurden. Für uns ungewohnt, aber genau der Zyklus an den sich auch die Orchideen auf meiner Lieblingswiese halten. Und übrigens auch das Blaukissen im Vorgarten. Das sah bei uns im Sommer völlig hinüber aus. Jetzt ist es wieder prächtig grün, dass es im Frühling schnell mit der Blüte loslegen kann. Wahrscheinlich wird dieser eher mediterrane Lebenszyklus durch den Klimawandel bei uns in den nächsten Jahren eher noch begünstigt. Bei vielen Gartenpflanzen bietet es sich vielleicht jetzt schon an, sie im Herbst zu säen oder setzen, damit sie die genügend Feuchtigkeit abbekommen und gut in den Frühling starten können. Bei denen, die ich wie empfohlen im Mai ausgepflanzt habe, kam ich jedenfalls dieses Jahr mit dem Gießen kaum hinterher. Und mit Pflanzen, die keine Trockenheit vertragen, brauche ich bei uns im Garten auch gar nicht erst anzufangen.

Von wegen im Winter blüht bei uns nichts. Hier im Wald bereitet die Nieswurz ihre Blüte vor.
Und nebenan grünt schon ein Feld mit Zwischensaat.

Wie dem auch sei, mich hat meine unverhoffte Orchideenwanderung im November sehr froh gestimmt. Und auch etwas nachdenklich gemacht. Warum habe ich immer so sehr auf die Blüten geschaut? Ist eine Pflanze nicht genauso eine Pflanze, wenn sie nicht blüht? Ein Wald ohne Blätter weniger Wald? Was entgeht mir alles, wenn ich nur bei „schönem“ Wetter wandern gehe? Die Natur hat auch im ungeliebten November ihren ganz eigenen Zauber – Stille, unverhoffte Farben und etwas Verheißungsvolles. In diesem Sinne wünsche ich euch viele schöne Winterentdeckungen und traut euch nur nach draußen, auch wenn euch die Welt auf den ersten Blick trist und grau scheint.

1 Kommentar zu “Winterorchideen und ein missverstandener Mythos

  1. 29. November 2020 um 20:00

    Liebe Mirjam
    Wieder tolle Fotos und wunderschön geschrieben. Du hast Recht immer nur die Blüte wird beachtet. Die Nieswurz ist bei uns gleich weit nach den Orchideen werde ich diese Woche noch schauen. Vielen Dank auch für die neue Betrachtungsweise von Persephone – hört sich sehr logisch an.
    Liebe Grüße
    Claudia

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