Würgeschlangenbegegnungen

Manchmal ist es wie verhext. Da hoffe ich jahrelang auf eine Tierbegegnung und kann nur Totfunde verzeichnen. Und dann, auf einen Schlag kommt die ersehnte Begegnung gleich drei Mal innerhalb einiger Wochen. Oder eigentlich sogar vier Mal, wobei das vierte Mal leider ein tragisches Ende nahm. Ja, ich rede hier von unserer einheimischen Würgeschlange. Anders als ihre großen Kolleginnen im Regenwald ist unsere Schlingnatter allerdings nur für Mäuse, Blindschleichen, Eidechsen und andere Tierchen in der Größenklassen gefährlich. Ähnlich viel Angst müssen höchstens Grundstücksbesitzer haben, die ihr Grundstück bebauen wollen. Wenn dort nämlich die besonders geschützte Schlingnatter wohnt, kann das etwas schwierig werden mit den Umweltauflagen. Zum Glück kommt die Schlingnatter bei uns noch vor. Wahrscheinlich noch nicht einmal so selten, denn mir haben immer mal wieder Leute erzählt, dass sie eine im Garten oder auf dem Feld gesehen haben. Ich habe sie leider bisher nur platt gefahren am Radweg gesehen. Bis sich diesen Sommer die große Wende in meiner Schlingnatterbeobachtungskarriere vollzog. Früh morgens auf dem Weg zur Arbeit bin ich fast vom Rad gefallen, als plötzlich eine vor mir über den Weg kroch. Ein hübsches Jungtier, das sich auf dem Asphalt in der Morgensonne wärmte. Nach meinem ersten Staunen zog ich das Handy und konnte ein paar Bilder und einen kurzen Film machen, bevor sie sich zum Glück im Stoppelfeld verkroch. Sonst hätte ich sie irgendwie vom Weg gescheucht, nicht dass sie dem nächsten, weniger aufmerksamen Radler zum Oper fällt.

Die kleine Würgeschlange am Radweg

Zwei Wochen später war ich in der Nähe von einem ehemaligen Steinbruch unterwegs auf einem Feldweg. Da kam mir die nächste über den Weg gekrochen, auch eine junge. Hier nahm ich mir etwas mehr Zeit, ihre schöne Zeichnung und die elegante Fortbewegungsart ihres schlanken Körpers zu studieren. So richtig scheu war die Kleine auch nicht. Auf dem Kopf tragen Schlingnattern eine hübsche Zeichnung, die bei manchen Exemplaren an ein Krönchen erinnern. Daher kommt auch ihr wissenschaftlicher Name Coronella austriaca. Leider werden sie wegen ihrem Muster aus Flecken und manchmal auch Streifen auf dem Rücken wohl bisweilen mit Kreuzottern verwechselt. Und es soll ja immer noch Menschen geben, die (Gift-)Schlangen totschlagen. Ganz davon abgesehen, dass es unter Strafe verboten ist, finde ich es auch absolut unsinnig. Unsere einheimischen Schlangen fliehen alle, wenn man ihnen zu nahe kommt. Beißen tun sie nur, wenn man sie festhält oder auf sie tritt. Und letzteres scheint extrem selten zu passieren. Die Wahrscheinlichkeit durch einen Schlangenbiss in Deutschland ernsthaft zu Schaden zu kommen, liegt ganz dicht bei Null. Also, wer eine Schlange trifft, kann sich eigentlich eher über die schöne Beobachtung freuen. In jedem Fall hat die Schlange deutlich mehr Grund, vor Menschen Angst zu haben als umgekehrt. Am Ende habe ich deswegen auch die kleine Schlingnatter in die Wiese gelotst, weil der Weg zwar weniger befahren, aber doch auch eine ausgeschilderte Mountainbikestrecke ist. Sicher ist sicher.

Hier bei der kleinen Schlingnatter im Steinbruch sieht man schön die krönchenförmige Kopfzeichnung
Und auch ihr Rücken ist deutlich stärker gezeichnet als bei der Kleinen vom Radweg. Diese Musterung kann zu Verwechslungen mit der Kreuzotter führen.

Die nächste Begegnung war dann wirklich eine ganz verrückte. Ich war dabei die Mülltonne aus der Garage zu bringen, das automatische Garagentor fuhr schon wieder nach unten, da sehe ich eine kleine Schlange auf das Tor zukriechen. Auch wenn das Garagentor stehen bleibt, wenn sich jemand im Weg befindet, wollte ich mich nicht darauf verlassen, dass es das auch bei einer Schlange tut. So habe ich das getan, was man mit Schlangen eigentlich nicht tun soll: sie am Schwanz gepackt. So ganz begeistert schien sie davon auch nicht, hat sich in meiner Hand gewunden und versucht mich zu beißen. Davon abgesehen, dass sie mir ihren Zähnchen nicht einmal durch meine Haut gekommen ist, konnte sie ihr Maul auch gar nicht weit genug aufreißen, um so richtig zuzubeißen. Ich trug sie hoch in den Garten, der hinten ohne gefährliche Straßen und Wege gleich an die Wildnis grenzt. In den Hang gesetzt schlängelte sie sich auch gleich munter ins Gestrüpp davon und ward erst einmal nicht mehr gesehen. Ich hielt zwar immer Ausschau nach ihr, ob sie sich vielleicht auf der Gartenmauer sonnen wollte oder es irgendwo verdächtig im Gras raschelte, aber sie blieb unsichtbar. So nahm ich an, dass sie ihren Weg aus dem Garten und vielleicht sogar hoch ins Naturschutzgebiet mit den vielen Bruchsteinhaufen und alten Weinbergsmäuerchen gefunden hatte. Doch das war wohl nicht der Fall.

Zwei Wochen nach der Begegnung vor der Garage traf ich sie wieder – leider auf recht tragische Weise. Sie lag schwer am Kopf verletzt auf unserer Gartentreppe und Wand sich offenbar unter Schmerzen, nicht mehr fähig zu kriechen. Wahrscheinlich hatte sie eine der Nachbarskatzen oder einer der vielen anderen natürlichen Feinde kleiner Schlangen erwischt. Es tat mir in der Seele weh, ihren kleinen zerschlagenen Körper so zu sehen. Dabei war es doch noch gar nicht lange her, dass sie sich so tapfer gegen meinen übermächtigen Griff gewehrt hatte. Es dauerte nicht lange, bis sie ihren Verletzungen erlag.

 


 

Tja, ein weiterer Beweis, dass unsere heimischen Schlangen eher vor uns und anderen großen Tieren Angst haben müssen als umgekehrt. Für die krankhafte Angst vor Schlangen gibt es sogar einen Fachbegriff: Ophidiophobie. So richtig wissenschaftlich erklärt ist es bis heute nicht, warum es relativ viele Menschen gibt, die Schlangen mit starker Ablehnung, Ekel oder Angst begegnen. So gut erforscht wie ihre Schwester die Archnophobie, also die Angst vor Spinnen, ist sie wohl auch nicht. Eine spannende Sache habe ich aus einer interessanten Studie über Arachnophobie mitgenommen: Offenbar scheint diese Angst wenig mit der realen Bedrohung zu tun zu haben. In unserem Kulturkreis ist die Angst vor Spinnen sehr verbreitet, obwohl es bei uns keine wirklich gefährlichen Spinnen gibt. Bei Völkern in Australien oder Afrika, wo es durchaus Spinnen gibt, die eine Gefahr für Leib und Leben darstellen, tritt sie kaum auf. Schon seltsam. Das hat einerseits sicher kulturelle Gründe (wenn man Vogelspinnen z.B. als Leckerbissen betrachtet), auf der anderen Seite ist eine Panikreaktion in einer wirklich gefährlichen Situation eher kontraproduktiv. Wahrscheinlich haben wir auch vor Wesen eher Angst je fremder sie uns sind. Zum Glück war mir die Angst vor Schlangen schon von Kindheit an fremd. Im Gegenteil sind mir die Begegnungen mit ihnen als etwas besonderes im Gedächtnis geblieben. Und in diesem Sommer sind wieder ein paar dazugekommen.

6 Kommentare zu “Würgeschlangenbegegnungen

  1. Iris & Bernd
    15. November 2020 um 19:18

    Liebe Mirjam,

    wir haben nur eine Möglichkeit, einigermaßen in der Nähe Schlangen „in freier Wildbahn“ zu sehen, und das sind die Wälder rund um Schlangenbad im Taunus. Doch als wir einmal dort waren, waren die Äskulapnattern leider ganz offensichtlich ganz woanders…

    Was für besondere Begegnungen! Und sogar auf Film – ganz vielen Dank für diesen Beitrag!

    Ganz herzliche Grüße,

    Iris & Bernd

    • mirjam
      17. November 2020 um 20:48

      Oh ja, die Äskulapnatter. Die würde ich auch gerne wiedersehen. Mit ihr verbindet mich eine ganz besondere Kindheitserinnerung an meinen ersten Urlaub „im Süden“ am Luganer See. Unterhalb von der Terrasse mit Seeblick gab es einen Reisighaufen, in dem unzählige Eidechsen wohnten. Deswegen galt ihm meine besondere Aufmerksamkeit. Eines Tages lag darauf eine riesige Äskulapnatter. Ihre zwei Meter hatte die Hübsche bestimmt. Bloß bis ich den Rest der Familie geholt hatte, war sie verschwunden. „Das hast du dir doch nur eingebildet“ hat mein Papa aber nur solange gesagt, bis sie ein paar Tage später die Treppe hochgekrochen kam und er sie selber sah. Von da an war die Terrassentür nachts nicht mehr offen. Davon dass diese Maßnahme in meinen Augen übertrieben war, weil es sich laut meinem Kosmos-Naturführer doch um eine „harmlose“ Natter handelte, wollten die anderen nichts wissen 😉

      In Bad Schlangenbad gibt es doch sogar einen Schlangenlehrpfad, oder? Ich würde echt auch gerne mal eine unserer deutschen Vertreterinnen sehen. Dafür braucht man wahrscheinlich viel Glück und Geduld oder jemanden, der ihre Gewohnheiten gut kennt. Bei unseren Ringelnattern habe ich da inzwischen auch so ein paar halbwegs zuverlässige Beobachtungsstellen, aber die sind ja auch viel häufiger. Wahrscheinlich gibt es die sogar bei euch im botanischen Garten. In unserem existiert jedenfalls eine recht beachtliche Population.

  2. Doris
    15. November 2020 um 20:24

    Hallo Mirjam,
    wow, das war eine spannende Geschichte. Es tut mir leid, dass die junge Schlange so schwer verletzt worden ist und das letztlich nicht überlebt hat. Wie schade. Ob Mountainbiker oder Katzen – Schlangen leben offensichtlich ziemlich gefährlich in unserer Welt. Bei uns hier gibt es Ringelnattern und Blindschleichen. DIe Schlingnatter kannte ich noch gar nicht, die ist wirklich hübsch gezeichnet. Ich muss zugeben, dass ich auch ein Schisser bin, was Schlangen angeht. Ich finde sie faszinierend, aber ganz ehrlich: Ich hätte mich nicht getraut so wie du, die Kleine einfach am Schwanz zu packen und wegzutragen. 😉
    Ich wünsche dir im nächsten Jahr, wenn es wieder warm ist, weitere interessante und eindrucksvolle Begegnungen!
    Viele Grüße,
    Doris

    • mirjam
      17. November 2020 um 20:37

      Wie schön, dass dir die Geschichte gefallen hat – wenn auch ohne Happy End. Ringelnattern und Blindschleichen sehe ich bei uns auch immer mal wieder. Da hatte ich im Herbst eine lustige Begegnung. Auf einem Waldweg hatte sich eine Blindschleiche auf einem glatten, verwaschenen Stein mitten im Weg gesonnt. Als wir kamen, wollte sie wegschleichen, hatte aber nicht genug Grip um vorwärts zu kommen und hat sich auf der Stelle geschlängelt. Das sah vielleicht aus. Nach einer Weile habe ich mich dann erbarmt und sie neben den Weg gesetzt, wo sie dann auch munter fortgeschlichen ist 😉
      Und Danke für die guten Beobachtungswünsche! Wenn die in Erfüllung gehen, würde ich mich auch sehr freuen 🙂

  3. 18. November 2020 um 15:23

    Was für tolle Beobachtungen und Erlebnisse 🙂 Mir ist bisher noch nie eine Schlange über den Weg gelaufen, leider, leider. Ein paar Blindschleichen habe ich schon getroffen, doch Schlangen – Fehlanzeige! Dafür habe ich deinen Artikel nun genutzt, mich mit den hier heimischen Schlangenarten zu beschäftigen. Hach Moment, im Urlaub in Italien da gab es eine „Wasserschlange“, die immer abends am Ufer des Gardasees entlang schwamm und verkündete, dass der Badetag dann jetzt mal vorbei ist (gegen 18 Uhr war es Zeit heim zu fahren 😉 ). Was das für eine genau war weiß ich allerdings nicht.

    • mirjam
      18. November 2020 um 18:53

      Wie schön, eine Feierabendschlange 🙂 Im Süden gibt es natürlich viel mehr Schlangen und andere Reptilien. Unsere Arten sind ja sehr überschaubar, aber nicht weniger interessant. Irgendwann hast du bestimmt auch mal das Glück, eine zu beobachten.

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