Von wegen hummeldumm

Bei mir auf dem Balkon summt es wieder fleißig. Die Zeit der Mauerbienen ist zwar längst vorüber und ihr nächste Generation wächst versteckt in den vielen belegten Röhrchen des Wildbienenhäuschen heran, dafür herrscht an Borretsch, Malve, Tomaten und im Kräuterkasten ein reger Hummelflugbetrieb. Jede offene Blüte wird sorgfältig angeflogen und besammelt. Kann ich verstehen, denn der Weg bis in den 4. Stock muss sich schon lohnen. Dabei habe ich heute auf unserem Campus-Festival etwas interessantes gelernt: nicht alle Hummeln sind gleich fleißig. Mein persönliches Highlight dort war der Raum im Biozentrum, in dem die Zoologen Einblicke in das Leben der sozialen Insekten vermittelten. Neben Verkostung verschiedener Honigsorten und einer langen Blattschneiderameisenstraße über Holzklötzchen präsentierte dort ein Biologiestudent sein Erdhummelvolk, über das und mit dem er seine Bachelorarbeit geschrieben hatte. Schade, dass ich weder Fotoapparat noch Handy dabei hatte, denn so einen direkten Einblick in die Brutkammer eines Hummelvolkes bekommt man nicht alle Tage. Ich war ganz hin und weg und der Nachwuchsforscher beantwortete auch noch begeistert meine Fragen.

Das sind wohl zwei von der fleißigen Sorte. jedenfalls sorgen sie dafür, dass es bald leckere Brombeeren gibt.

Warum denn manche nummeriert seien, wollte ich wissen. Eigentlich sollten alle eine Nummer tragen, um sie unterscheiden zu können, so kann man das Verhalten individuell beobachten. Zum Beispiel, dass die Nummer 2 gerne irgendwo herumsitzt und gar nicht viel macht oder das andere lieber irgendwo herumfliegen und nicht für ihre Kolonie sammeln. Klar, es gibt Kuckuckshummeln, die sich auf den Fleiß anderer Hummelarten verlassen, um ihren Nachwuchs zu versorgen. Und die Hummeldrohnen sammeln auch nicht für ihr Volk. Aber dass es auch unter den Arbeiterinnen mehr und weniger arbeitsame Exemplare geben könnte, daran hatte ich noch nicht gedacht. Genauso ist es aber offenbar. Jede Hummel hat ihre eigene Schwelle, ab der sie anfängt Nektar ins Nest zu tragen. Die einen sammeln einfach immer, andere erst, wenn der Honigvorrat langsam knapp wird und wieder andere kümmert auch das noch nicht. Entsprechend traurig, erzählt der junge Mann, sei er gewesen, als seine Nummer 22 starb. Sie war eine der ersten Arbeiterinnen, die schlüpften, und immer eifrig unterwegs auf der Suche nach Zuckerwasser für ihr Volk. Eine Blumenwiese hatte sie nie zu Gesicht bekommen, denn wie ihre Kolleginnen diente sie der Wissenschaft.

Ob Nummer 22 von Blumenwiesen geträumt hat oder von ihren Symbolen?

Auch wenn nicht alle Hummeln gleich fleißig sein mögen, so sind sie wohl noch intelligenter als gemeinhin angenommen. Gerade frisch ausfliegende Hummeln lernen sehr schnell, welche Blüten Nektar bieten und welche nicht. Ebenso können sie sich rasch einprägen, welche Farbe von Töpfchen im Labor Zuckerwasser enthält und welche nur Wasser. Das mit den Farben erstaunt mich noch nicht so sehr, denn schließlich sind auch Blumen bunt. Allerdings konnten die Forscher auf diese Weise inzwischen auch nachweisen, dass Hummeln ihre Futterquellen auch an Formen oder sogar Gesichtern erkennen können. Nummer 22 und ihre Schwestern haben es sogar noch eine Stufe weiter geschafft: Sie haben das Prinzip von Schere-Stein-Papier verstanden. Bei zwei paarweise angeordneten potentiellen Futterquellen mit entsprechenden Symbolen hatte immer nur die mit dem jeweils „höherwertigen“ Symbol auch Futter parat. Die Hummeln haben es nach ein paar Tagen gelernt und wurden beim Lernen neuer Symbolkombinationen sogar immer effizienter. Sie hatten es offenbar also einfach verstanden. Affen können das wohl auch. Bezogen auf Geistesleistung pro Gehirnvolumen würde ich sagen: Hut ab! Damit sind sie wahrscheinlich so manchem Menschen ab einer gewissen Promillezahl überlegen 😉

Aber Spaß beiseite. Das ist wohl auch eines der sehr großen Probleme von Biene, Hummel & Co. Für ihre tägliche Arbeit brauchen sie wirklich ihr kleines Hirn in Bestform. Sich merken welche Blumen wann am meisten Nektar liefern, wo sie blühen, wie man am schnellsten zum Nest zurückkommt – das ist eine Geistesleistung. Vielleicht sterben Hummeln und Bienen nicht an kleinen Mengen von Pestiziden wie den Neonicotinoiden, aber es scheint sich auf ihr Nervensystem auszuwirken. Ähnlich wie der Alkohol beim Menschen. Und genau das ist fatal für die schlauen Brummer und ihre Völker, denn wenn viele Arbeiterinnen beschwipst herumfliegen, nicht genug sammeln können oder gar nicht mehr heim finden, bricht das Volk zusammen. Also, hummeldumm zu sein, können sich Hummeln gar nicht leisten. Vielleicht sollten wir der Gerechtigkeit halber auch lieber hummelschlau sagen.

Erinnert ihr euch noch an den Drachenkopf mit seinen Löchern in den Blüten?

Der Gerechtigkeit halber muss ich allerdings noch eine Sache aufklären. Mein Drachenkopf auf dem Balkon grünt schon üppig und ich freue mich auf seine hübschen Blüten. Letztes Jahr hatte ich beobachtet, dass an vielen Drachenkopfblüten Löcher im Blütenkelch zu finden waren und Nektarraub vermutet. Nun, da war ich etwas voreilig. Der Fall hat sich geklärt und alle Verdächtigen konnten entlastet werden. Tatsächlich war es kein Nektarraub, sondern der große Sammeleifer meiner Heldinnen der Arbeit, der Ackerhummeln. Wenn ihr euch auf dem Foto mal genau anschaut, wo sie ihre Füßchen beim Sammeln hinsetzt, fällt schnell auf, dass die Löcher in den Blüten genau an dieser Stelle sind. Außerdem wurden die Löcher umso größer, je länger die Blüte offen war, also einfach eine Ermüdungserscheinung des Materials. Mal sehen, ob sich die Beobachtung dieses Jahr genauso zeigt.

Hier ist schon angedeutet, wie die Löcher wohl entstanden sind.

Und hier ist es recht offensichtlich: An den stärksten beanspruchten Stellen haben die Blüten irgendwann Löcher bekommen.

Spannend ist es auf jeden Fall immer wieder, den kleinen Tierchen zuzusehen. Momentan ist die Haselmaus auch wieder an einem kniffligen Fall in Sachen Botanik am Tüfteln, aber dazu demnächst mehr. Hattet ihr auch schon so interessante Fälle, die ihr durch eigene Beobachtung oder auch mit Hilfe lösen konntet? Ich wünsche euch auf jeden Fall viele schöne Erlebnisse in und mit der Natur!

4 Kommentare zu “Von wegen hummeldumm

  1. 9. Juli 2018 um 12:57

    So interessant! <3 Das wusste ich noch nicht! So toll und vielen lieben Dank für die interessante Erklärung unserer fleißigen Hummelchen 🙂
    Ganz liebe Grüße
    Corinna

    • mirjam
      9. Juli 2018 um 21:16

      Gerne 🙂

  2. Doris
    9. Juli 2018 um 18:33

    Hallo Mirjam,
    wieder ein hochinteressanter Post von Dir, vielen Dank! Wir haben sehr viele Hummeln im Garten, meine ich, vor allem an den Stockrosen. Die Bienen gehen da nicht hin (weil sie rot sind, meint mein Mann – stimmt das?). Ich bin baff, wie clever die Hummeln sind, unglaublich. Aber da kann man mal sehen: Da denkt man immer, die Bienenartigen sind alle so fleißig und dann sowas, denn auch da gibts Faulpelze. 😉 Jetzt interessiert mich ja nur noch brennend,wie man Hummeln bitte nummeriert. Kriegen die einen Aufkleber???
    Ich bin gespannt!
    Liebe Grüße,
    Doris

    • mirjam
      9. Juli 2018 um 21:23

      Wie man Hummeln nummeriert? Mit ganz viel Fingerspitzengefühl 😉 Sie hatten wirklich kleine Klebepunkte mit Nummer hinten auf dem Rücken. Um die Ziffern zu erkennen, muss man aber schon gut hinschauen. Warum Bienen nicht auf eure Stockrosen gehen, muss ich mal nachforschen. Hummeln sehen, soweit ich weiß, auch kein Rot. Aber viele rote Blüten haben ein für uns unsichtbares UV-Muster wie z.Bsp. der Mohn. Bei mir auf dem Balkon kann ich der Frage allerdings nicht nachgehen, da sich dorthin so gut wie nie Honigbienen verirren.

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