Summender Balkon: Mutterfreuden

Auf dem Balkon summt es wieder. Diesmal nicht nur an den Blumentöpfen, sondern vor allem am Wildbienenhäuschen. Nachdem es letztes Jahr nur von einer einsamen Roten Mauerbiene (Osmia bicornis) besiedelt worden war, scheint sich die Wohnlage diesen Frühling herumgesprochen zu haben. Zuerst fanden sich ein paar Gehörnte Mauerbienen ein (Osmia cornuta), die fleißig Pollen für ihre Brut in die Schilfhalme trugen. Dann schlüpften die Nachkommen der letztjährigen Bienenmutter und seitdem herrscht reger Flugbetrieb.

Eine Gehörnte Mauerbiene nimmt Kurs auf ihr auserwähltes Kinderzimmer.

Als ich zum ersten Mal eine Gehörnte Mauerbiene bewusst wahrgenommen habe, hielt ich sie für eine klein geratene Hummel. Brummelig, pelzig und auch bei kühler Witterung emsig auf Blütenbesuch – passt eigentlich. Wenn man genau hinschaut, ist sie aber nicht nur etwas kleiner als die durchschnittliche Hummel, sondern hat auch einen komplett rot gefärbten Hinterleib – ihr typisches Erkennungszeichen. Bei den recht ähnlich gefärbten (und viel größeren) Steinhummeln ist nur das Ende des Hinterleibes rot. Auch in ihrer Lebensweise unterscheiden sie sich grundlegend. Während Hummel Staaten mit teilweise vielen Hundert Tieren bilden, versorgt jedes Mauerbienenweibchen ihre Brut ganz alleine oder – wie die Biologen sagen würden – zählt zu den Solitärbienen. Ganz ungesellig sind sie aber nicht, denn Mauerbienen stören sich nicht daran, geeignete Nistplätze mit Kolleginnen zu teilen. So wie an meinem Bienenhäuschen. Aggressives Verhalten untereinander konnte ich auch bei regem Betrieb nicht beobachten. Der Einzige, der hin und wieder den routinierten Arbeitsablauf stört, ist ein Männchen, dass sich gerne einem der Halme versteckt und den Damen, die sich seinem Lieblingsplatz nähern, stürmische Avancen macht.

Neben der Damenwelt scheint es dem Mauerbienendrohn vor allem der Schöterich direkt beim Bienenhotel angetan zu haben.

Könnt ihr den kleinen Schwerenöter in seinem Versteck entdecken?

Ansonsten geht die Arbeit am Bienenhäuschen sehr routiniert und friedlich vor sich. Die Bienenmütter sind dabei sehr sorgfältig. Bevor ein neuer Nistgang als Kinderstube eingerichtet wird, putzen sie ihn fein säuberlich aus. Ob Rest von den Vorgängern oder unerwünscht abstehende Halminnereinen, alles wird mit den Mundwerkzeugen herausgeschabt. Dann geht es an die Inneneinrichtung. Zuerst tragen sie einen Pollenvorrat in die Kammer, der für die komplette Entwicklung der Larve zur fertigen Bienen reichen muss. Dann wird die kleine Vorratskammer mit dem Ei mit Lehm verschlossen und die nächste daran gebaut. Sehr lustig ist das „Wendemanöver“ zu beobachten. Die Biene krabbelt immer zuerst Kopf voraus in den Nistgang und bereitet alle vor. Dann kommt sie rückwärts wieder heraus, dreht sich und kriecht mit dem Hinterteil voraus noch einmal hinein, um die Pollen an ihrem Platz abzuladen. Anders als unsere Honigbiene oder die Hummeln, die den Pollen in Höschen an ihren Hinterbeinen tragen, sind Mauerbienen nämlich Bauchsammlerinnen. Nach einem erfolgreichen Sammelzug ist ihr Hinterleib auf der Unterseite komplett gelb.

Hier das Mauerbienen-Wendemanöver in Einzelbildern. Oben links seht ihr, wie sie vorwärts in ihre Kinderstube kriecht, den Bauchpelz reich mit Pollen beladen. Dann kommt sie rückwärts wieder zum Vorschein, wendet und krabbelt mit dem Hinterteil voran wieder hinein.

Bis ein Röhrchen bis vorne hin voll mit Brutkammern ist, wiederholt sie diesen Vorgang unzählige Male und hält sich nicht mit Pausen oder unnötigen Wegen auf. Dann sucht sie sich das nächste Röhrchen. Das nimmt mitunter schon etwas Zeit und eine sehr sorgfältige Visite der noch frei stehenden Gänge in Anspruch. Schließlich will der Nachwuchs gut untergebracht sein. Sobald die neue Kinderstube gefunden ist, geht die Arbeitsroutine von vorne los. Ich finde es sehr faszinierend, wie zielsicher die Bienen „ihre“ Röhrchen anfliegen. Auch wenn es vielleicht vermenschlichend ist, Fleiß und zielgerichtetes Handeln kann man den Mauerbienenmüttern schlecht absprechen. Und das für Nachwuchs, den sie nicht einmal zu Gesicht bekommen. Zum Glück darf ich mich auf auch die nächste Bienengeneration freuen. Alleine ihre emsige Gesellschaft bei meinen Balkontätigkeiten, die sich auch an menschlichen Hindernissen nicht stört, wirkt irgendwie wohltuend und erst recht natürlich die kleinen täglichen Beobachtungseinheiten.

Neulich vor einer Wildbienenwand in einem Park entspann sich ein nettes Gespräch mit einem kleinen Wildbienenforscher. Der Junge merkte nach eingehender Beobachtung an: „Es ist doch irgendwie gemein, dass die Bienen nichts für ihr Hotel zahlen müssen. Obwohl, die machen ja dafür Honig.“ Da musste ich ihn leider enttäuschen, dass diese Bienen keinen Honig machen. „Die zahlen also wirklich nichts?“ Naja, zumindest nicht sofort. Denn dass wir später Kirschen und Äpfel an den Bäumen haben, daran arbeiten sie ja fleißig mit. Eigentlich eine mehr als faire Mietleistung für uns, oder?

Falls ihr einen richtig schönen Film über die vielen verschiedenen Lebensweisen unserer Wildbienen sehen wollt, möchte ich euch Biene Majas wilde Schwestern ans Herz legen. Ich hatte ihn mir auf DVD bestellt, aber neulich entdeckt, dass er noch in der BR-Mediathek ganz frei und kostenlos anzuschauen ist. Neben jeder Menge zauberhafter Bilder und viel spannend verpackter Information gibt es auch ein paar Tipps, wie man die liebenswerten Brummer bei sich unterstützen kann. Oder summt es bei euch im Garten und auf dem Balkon auch schon ordentlich?

10 Kommentare zu “Summender Balkon: Mutterfreuden

  1. 29. April 2018 um 10:13

    Liebe Mirjam,

    ein wirklich toller Artikel über die Lebensweise der liebenswerten Mauerbien(ch)en. Ich kann deine wunderbar beschriebenen Beobachtungen in jeder Hinsicht bestätigen. An meinen Nisthilfen sind in diesem Jahr „Unmengen“ von Mauerbienen. Fast könnte ich von einer friedlichen Invasion sprechenen. Die bauen im Moment wirklich fast jede Röhre zu. Auch das deswegen extra neu angeschaffte Häuschen wurde schon in Beschlag genommen. Wie sieht es bei dir aus, wenn im Juni die Löcherbienen kommen? Hast du auch die Beobachtung gemacht, dass sie dann sehr gerne die verschlossenen Mauerbienenröhren wieder „ausräumen“?.
    Ja, „Biene Majas wilde Schwestern“: Das ist ein unglaublicher Film mit Wahnsinnsaufnahmen. Atemberaubend schön. Allein die Aufnahmen der Schneckenhaus-Mauerbiene….Traumhaft.

    Liebe Grüße,

    Petra

    • mirjam
      30. April 2018 um 10:48

      Ja, der Film hat es mir auch sehr angetan. Gerade weil ich selbst immer wieder versucht habe, verschiedenen Bienenverhaltensweisen mit der Kamera einzufangen, kann ich ahnen, wie viel Geduld und Mühe hinter solchen Filmaufnahmen steckt.

      Löcherbienen habe ich an meiner Nisthilfe noch nicht beobachten können. Sie steht ja erst seit letztem Jahr, aber ich werde aufmerksam weiter beobachten 🙂 Für die Mauerbienen scheint heuer ein gutes Jahr zu sein, auch einige Arten Sandbienen habe ich schon bei sehr eifrigem Nestbau beobachtet. Für die Hummeln war es aber nicht so einfach, oder? Durch den späten Frühling hinken sie mit der Staatenbildung etwas hinterher, oder?

  2. Iris
    29. April 2018 um 16:59

    Es summt zwar und die drei Wasserstellen werden nicht nur von Vögeln, sondern auch von Bienen und Hummeln besucht, doch unser Insektenhotel wird längst nicht so angenommen, wie wir es uns wünschen, liebe Mirjam.

    Wir denken gerade darüber nach, es auszutauschen. Bei genauem Hinsehen gibt es da einiges zu verbessern. Die Röhreneingänge sind zum Beispiel nicht alle ganz glatt und die Flügel sind ja doch empfindlich, gerade beim Rückwärtshineinkriechen.

    Dir einen ganz herzlichen Dank für diesen wunderbaren, informationsreichen Beitrag!

    • mirjam
      30. April 2018 um 10:52

      Oh ja, bei der Struktur der Röhrchen sind die Bienchen wählerisch. Wie du schreibst, können sie sich an abstehenden Spänen leicht die Flügel verletzen. Deswegen prüfen sie vorher alles auch so sorgfältig. Leider gibt es gerade in Gartencentern & Co. auch einiges an „Bausünden“ im Bereich Nisthilfen, das eher menschlichen Schönheitsansprüchen als den Wohnvorlieben der Bienen entspricht. Wenn du magst, gebe ich dir aber gerne ein paar Tipps, wo man hübsche und zweckmäßige Bienenhäuschen bekommt.

      • Iris
        30. April 2018 um 12:41

        Über solche Tipps würde ich mich sehr freuen 🙂 .

        • mirjam
          2. Mai 2018 um 7:59

          Ist in Arbeit. Ich habe gestern schon mal Bildmaterial zu den üblichen Bausünden gesammelt 😉

  3. 29. April 2018 um 19:27

    Hallo Mirjam,
    das ist ja ein toller Beitrag. Was Du immer für coole Sachen machst! Du gehst mit leuchtendem Beispiel voran und tust was für die Wildbienen, Hut ab. Ich bin total erstaunt, wie gut so ein Bienenhotel sogar auf einem Balkon funktionieren kann. Deine Geschichte ist hochinteressant und sehr lehrreich, und dass es sogar bei den Mauerbienen Schwerenöter gibt, tsts, wer hätte das gedacht. 😉 Summen und Brummen ist bei mir dieses Jahr ganz deutlich fast eine Fehlanzeige, es ist erschreckend. Sonst hat der ganze Birnbaum während der Blüte gesummt, aber dieses Jahr war es sehr, sehr leise. Meine Nachbarin erzählte mir heute dasselbe über ihren Apfelbaum. Es ist wirklich erschreckend. Heute habe ich ein paar Hummeln gesehen, außerdem haben wir Feldwespen und einige Hornissen, aber kaum Bienen. Schmetterlinge scheint es etwas mehr zu geben, die waren schon früh unterwegs. Ich säe wieder Phacelia aus dieses Jahr, aber wenn keine Bienen da sind, können sich auch keine drüber freuen. 🙁 Umso schöner, dass es bei Dir so rund geht auf dem Balkon. Weiter viel Freude und Erfolg!
    Liebe Grüße,
    Doris

    • mirjam
      30. April 2018 um 10:58

      Naja, viel mehr als ein Bienenhäuschen und ein paar Blumen auf den Balkon zu stellen, musste ich dafür gar nicht machen 😉 Mit dem leisen Summen hast du leider recht. Irgendwie scheint der „Fast-forward-Frühling“, wie du ihn so schön betitelst, für manche Brummer nicht ganz unproblematisch zu sein. Die Mauer- und Sandbienen scheinen sich nicht an ihm zu stören, aber Hummeln sind bei uns noch nicht so viele unterwegs. Die letzten Tage sind sogar noch öfter Hummelköniginnen offenbar auf Nestsuche auf den Balkon geflogen. Arbeiterinnen scheinen noch nicht so unterwegs zu sein. Außerdem denke ich, dass sich die Blütenbesucher im Moment relativ stark über verschiedene Blütensorten verteilen. Bei uns blüht gefühlt fast alles auf einmal – Schlehen, Kirschen, Äpfel, Weißdorn, der Raps fängt auch schon an. Haben die sonst nicht nacheinander geblüht?

      • 1. Mai 2018 um 12:09

        Jepp, mir ist auch so, als ob alles auf einmal blüht anstatt schön nacheinander. Es war wohl zu lange kalt und dann hat die Natur einfach Gas gegeben und alles an den Start gestellt. Wenn sich die Brummer einfach nur gut verteilen würden, wäre ja alles quasi gut … Heute morgen habe ich den Birnbaum mal genauer angeschaut und es sieht so aus, als ob er doch viele Fruchtansätze hätte, was mich total verwundert hat. Ich bin gespannt, wie das ausgeht.
        Die „Bausünden an den Insektenhotels“ finde ich witzig, aber ich hatte auch keine Ahnung, auf was man da alles achten muss. Die Dinger werden ja inflationär rausgehauen, aber mit fehlerhafter Bautechnik bringen sie ja dann doch nix. Danke für die ganzen Tipps, da werde ich drauf achten, wenn ich mir doch mal sowas zulege. Leider haben wir Bienenallergiker in der Familie, da ist ein bisschen Widerstand (aus verständlichen Gründen) vorprogrammiert.

        • mirjam
          4. Mai 2018 um 10:18

          Ja, die Vorbehalte seitens der Bienenallergiker kann ich verstehen. Allerdings sind Wildbienen viel schwerer zum Stechen zu bringen als Honigbienen. Letztere haben ja wirklich ihre Wächter mit „Stechbefehl“. Und soweit ich weiß, hat das Gift unserer Wildbienen auch nicht das Allergiepotential wie das der Honigbiene. Einen sehr schönen Artikel zu dem Thema findest du hier.

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