Raupengeschichten

Nachdem Doris neulich nachgefragt hatte, was aus dem Raupenkindergarten auf meinem Balkon geworden ist, will ich euch jetzt noch den Rest der Geschichte erzählen. Wer sich vor Raupen gruselt, sollte vielleicht nicht weiter lesen oder ganz nach unten scrollen, wo die Schmetterlingsbilder kommen 😉

Manchmal bringen einen Bücher auf sonderbare Ideen…

Vielleicht kurz ein Wort dazu, wie es überhaupt dazu kam. Angefangen hat es mit ein paar schönen Büchern, die mich dazu angestiftet haben, mich in der Raupenaufzucht zu versuchen. Eigentlich wollte ich schon immer mal sehen, wie ein Schmetterling schlüpft, wie aus einer Raupe und einer unscheinbaren Puppe ein Falter wird, der seine farbenprächtigen Flügel entfaltet und davon flattert. Soweit meine Idee. Das die Räupchen sich das vielleicht etwas anders vorgestellt haben, ist eine andere Sache. Die dunklen, stacheligen Brennesselräupchen verwandelten sich nach jeder Menge Brennesseln und nicht all zu viel Zeit alle in goldglänzende Puppen.

Die frischen Puppen des Kleinen Fuchsen glänzen ganz bezaubernd golden.

Nach etwa einer Woche verfärbten sie sich dunkel. Das war das erste Anzeichen des bevorstehenden Schlüpfens. Damit die frisch geschlüpften Schmetterlinge ihre Flügel auch gut ausbreiten konnten, setzte ich als kleine Voliere den Drahtpapierkorb aus dem Arbeitszimmer umgekehrt darüber. Beinahe jeden Abend konnte ich mehrere Kleine Füchse (Aglais urticae) in die Freiheit entlassen. Die vermeintlichen Tagpfauenaugenraupen waren also in Wirklichkeit welche vom Kleinen Fuchs, aber immerhin Schmetterlinge 😉 Auf das Wochenende freute ich mich schon besonders, weil ich dann hoffentlich endlich einmal zusehen könnte, wie einer von ihnen schlüpft. Das war allerdings schwieriger als gedacht. Die Tierchen schienen immer darauf zu warten, bis ich nicht da war, und saßen dann als fertige Falter abflugbereit da, wenn ich das nächste Mal reinschaute. Von Insekten reingelegt zu werden, ist auch mal was. Naja, jedenfalls schlüpfte der ganze Kindergarten unbeobachtet und ich freute mich jedes Mal wieder, die ehemaligen Räupchen davonfliegen zu sehen.

Kein Tagpfauenauge, aber dafür viele hübsche Kleine Füchse flatterten mir aus der Puppenstube.

Damit war die Raupengeschichte aber noch nicht zu Ende. Ein paar nicht einmal Stecknadelkopf-große, grüne Eier zogen bei mir ein. Daraus schlüpften winzige, ebenso grüne Räupchen des Lindenschwärmers (Mimas tiliae). Am Anfang musste man schon ganz genau hinsehen, um sie zu entdecken. Gut getarnt saßen sie auf den Lindenblättern und fingen an, sie am Rand anzuknabbern, kleine unscheinbare Fraßspuren. Von Tag zu Tag wuchsen sie, knabberten immer größere Löcher, häuteten sich, wurden noch länger und vor allem dicker und fraßen noch mehr in immer beeindruckenderer Geschwindigkeit. Wenn es abends still war, konnte man ihr Knabbern an den Blätter hören – und staunend zusehen, wie schnell wie viel Blatt in so einer Raupe verschwinden kann. Was wohl passieren würde, wenn bei einer Raupe die Hormone verrückt spielen und nicht irgendwann das Signal zu Verpuppung senden? Ob sie immer weiter und weiter wachsen und irgendwann ganze Bäume statt nur einzelner Blätter fressen würde? Vielleicht ein guter Stoff für einen Horrorfilm. Oder gibt es irgendwo einen verückten Biologen, der genau das schon ausprobiert hat?

Kurz nach dem schlüpfen winzig klein…

fünf Tage später

18 Tage später

und nach knapp einem Monat

Bei meinen drei Raupen funktionierte der Hormonhaushalt jedenfalls einwandfrei. Als die erste ihre endgültige Größe erreicht hatte, wechselte sie ihr Grün mit den gelben Streifen gegen ein unscheinbareres Braun und wurde von einer unbändigen Wanderlust befallen. Sie wollte sich einfach das ihrere Ansicht nach beste Quartier suchen, um als Puppe den Winter zu überdauern. Dabei war sie mit den von mir angeboteten Verstecken offensichtlich nicht zufrieden und schaffte es irgendwie sich aus ihrem Raupenquartier zu befreien. Als ich es bemerkte, war sie schon auf und davon und einfach nicht mehr zu finden. Schon wieder von einer Raupe reingelegt… Die anderen beiden waren zwar nicht weniger wanderlustig, als ihre Zeit kam, aber ich wusste nun, welche Kräfte solche Wanderräupchen entwickeln können und hatte sie ein ausbruchssicheres Quartier umgesiedelt, wo sie sich auch in ihrem Versteck verpuppten. Mal sehen, ob sie sich nächstes Jahr im Frühling beim Schlüpfen beobachten lassen.

Das letzte Bild, bevor sie auf ihre große Wanderschaft ging.

Eigentlich hatte ich die Hoffnung schon aufgegeben, noch miterleben zu dürfen, wie ein Schmetterling seine Flügel entfaltet. „Meine“ Raupen waren alle entflogen, entlaufen oder für den Winter verpuppt. Es kam aber anders. Als ich bei uns in einem Wäldchen auf einer Bank saß und einen heißen Sommertag im Schatten der Bäume genoss, raschelte es plötzlich hinter mir im alten Laub. Zuerst hielt ich es für eine Kröte oder etwas ähnliches. Bei genauerem Hinsehen entdeckte ich ein braunes, pelziges Wesen, das an einem Zweig nach oben kletterte. Die zusammengeknüllten Flügelansätze wiesen es als Falter aus, ein Nachtfalter ganz offensichtlich. Zum Glück hatte ich mein Handy dabei und konnte ein paar Bilder von der wundersamen Verwandlung schießen. Aus der rundlichen, pelzigen Wurst entwickelte sich im Laufe etwa einer Stunde ein Mondvogel (Phalera bucephala). Langsam aber stetig pumpte das plumpe Wesen seine Flügel auf, sie entfalteten sich immer weiter, bis es sie mit einem Ruck über dem Rücken aufstellte. Da war der Schmetterling geboren und ich konnte es kaum glauben, dass ich einfach so aus Zufall dabei zusehen durfte. Manchmal kommt es eben doch anders, als man denkt.

Das sitzt doch etwas kleines Pelziges auf dem vertrockneten Grashalm.

Nach einer Weile entknitterten sich die Flügelansätze etwas…

… und noch ein bisschen mehr…

… bis sie so langsam nach richtigen Schmetterlingsflügeln aussahen.

Das sieht doch schon nach einem fertigen Nachtfalter aus.

Und mit einem Schwung waren die Flügel hoch geklappt.

Von vorne kann man den Namen Mondvogel etwas besser verstehen. Er sieht wirklich ein bisschen wie eine kleine Eule aus, oder?

Falls ihr also auch mal Lust habt, ein paar Räupchen aufzuziehen, es ist eigentlich wirklich nicht schwer, wenn von der Futterpflanze genug in der Nähe wächst. Bei welchen es gut geht und erlaubt ist (Raupen seltener Falter darf man nicht aus der Natur entnehmen!), könnt ihr z.Bsp. hier auf der Seite schmetterling-raupe.de nachlesen. Es gehört schon etwas Geduld und Sorgfalt dazu und ist auf jeden Fall faszinierend. Ich will ja nicht behaupten, dass man damit aktive Naturschutzarbeit leistet, aber dieses Jahr ist es mir schon mehrfach passiert, dass ich gerade an Brennesseln mit kleinen Raupenkolonien vorbeikam, die ein paar Tage später abgemäht waren. Auch wenn Raupen sich sicher gerade bei Gärtnern nicht sehr großer Beliebtheit erfreuen: Wer gerne Schmetterlinge beobachtet, sollte bedenken, dass jeder Schmetterling einmal eine Raupe war.

Ob es Kleine Füchse oder Tagpfauenaugen geworden wären, wird leider niemand mehr erfahren. Die Räupchenkolonie neben dem Radweg war nämlich leider schon einen Tag später den Mäharbeiten zum Opfer gefallen.

8 Kommentare zu “Raupengeschichten

  1. Iris
    6. September 2017 um 21:03

    Raupen aufziehen? Haben wir in diesem Sommer ohne es zu wissen gemacht 😉 – wenigstens eine!
    Einfach unser neues Salathochbeet, dazu reichlich Regen…

    um ein Haar wäre mein Salat doch nicht vegetarisch gewesen: eine knallgrüne, echt große Raupe versteckte sich zwischen den Salatblättern (wie gut, daß ich doch genau schaue – im Moment sind auch viele kleine Schneckchen unterwegs, ganz kleine mit Häuschen).

    Ich weiß leider nicht, was für eine Raupe das war. Ich habe sie im Beet gelassen und ihr ihr Grünfutter gegönnt (die Salate wuchern jetzt und wachsen spiralförmig in die Höhe), doch als ich das nächste Mal schaute, war sie nicht mehr da.

    Dir einen ganz herzlichen Dank für Deine „Raupengeschichten“ und die SUPER Fotos, liebe Mirjam!

    • mirjam
      6. September 2017 um 21:18

      Na wenigstens schaust du deinen Salat vorher gut durch. Mir hat einmal eine vegetarische Freundin frischen Melissentee mit Räupchen vorgesetzt – sehr dekorativ in einer hübschen Glaskanne 😉

      Da Salat zu den Kreuzblütlern gehört kommen sicher verschiedene Schmetterlingsarten in Frage, auch der kleine Kohlweißling. Vielleicht suchst du einfach mal mit der Bildersuche bei google nach „Raupe grün Salat“ und schaust, ob dein Räupchen mit dabei ist. Jedenfalls finde ich es sehr großherzig, dass du ihr deinen Eigenbausalat gegönnt hast. Der schmeckt sicher nicht nur den Raupen und Schnecken, oder?

  2. 7. September 2017 um 20:20

    Ich bin begeistert von deiner Raupengeschichte, liebe Mirjam. Ganz toll, wie du das alles beobachtet und auch dokumentiert hast. 🙂
    Wenn die Burschen und Mädels einem im Kindesalter alles wegfressen, ist man nicht gerade begeistert. Aber wir haben inzwischen so wenig Insekten, auch Schmetterlinge, da ist es wirklich eine super Idee, sich mal mit dem Züchten zu beschäftigen. 🙂

    Ganz lieben Dank für den schönen Beitrag.

    Liebe Grüße und hab noch einen schönen Abend
    Christa

  3. 16. September 2017 um 8:31

    Hallo Mirjam.

    Ich habe dieses Jahr trotz Suche nicht eine Raupe gefunden/gesehen!
    Aber es war hier auch ein schlechtes Jahr. Wie in den letzten Jahren überhaupt…
    Einen Sommer hatten wir wieder mal nicht. Nachts Temperaturen oft unter 10 Grad. zweimal Tageshöchsttemperatuen von 30 Grad. Der nächste Tag dann schon deutlich kühler…
    Tolle Geschichten, die Du uns da präsentierst!
    Das Schmetterlingsbuch von Robert Goodden kenne ich garnicht. Habe ich mir aber gerade bestellt 🙂 Solche Bücher finde ich ja immer toll. Und gebraucht kosten sie ja in den meisten Fällen nicht viel.

    LG

    Axel

    • mirjam
      17. September 2017 um 16:34

      Das ist wirklich hart, dass ihr wieder keinen richtigen Sommer hattet, nicht nur für die Insekten. Irgendwie ist es total seltsam, dass es bei uns in den letzten Jahren deutlich wärmer und trockener geworden ist und bei euch von der Klimaerwärmung so gar nichts anzukommen scheint. Vielleicht kriegt ihr nächstes Jahr mal wieder einen Sommer? Ich drücke euch auf jeden Fall die Daumen! Und wenn nicht, musst du zumindest nicht bis über die Alpen fahren, um den sonnigen Süden zu besuchen. Zumindest unsere Gegend könnte sich langsam auch so nennen 😉

  4. 23. September 2017 um 9:14

    Liebe Mirjam,
    was für ein schöner Post……..Toll, wie du uns Deine Beobachtungen dargestellt hast. Ein sehr lehrreicher Bericht mit wunderbaren Fotos. Ich habe mich sehr gefreut, es lesen zu dürfen.
    L. G. Agnes

  5. 25. September 2017 um 22:23

    Liebe Mirjam,
    was für ein toller und interessanter Bericht über die Entwicklung der Raupen zu Schmetterlingen. Die Fotos dazu sind dir auch gelungen. Es ist schon traurig, dass wir Menschen das Leben der anderen Lebewesen so wenig achten.
    L.G. Agnes

    • mirjam
      3. Oktober 2017 um 12:15

      Danke, liebe Agnes! Und ja, es ist schon traurig, wie viel Schaden wohl oft aus Unwissenheit und Unachtsamkeit angerichtet wird. Man kann nur versuchen, immer wieder darauf aufmerksam zu machen. So viele Dinge gehen oft auch an einem selbst vorbei.

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