Auf Wiesensafari

Um faszinierende und exotisch anmutende Tiere zu beobachten, muss ich gar nicht weit fahren. Eigentlich reicht es schon, mich in den Garten zu setzen oder einen kleinen Spaziergang zu machen. Mit etwas Muße und einem aufmerksamem Blick, und schon zeigen sich mir sehr oft Wesen, von denen manche beinahe anmuten, als kämen sie von einem anderen Stern. Angelehnt an das Waldbaden habe ich diese Praxis, mich in die Wiese zu setzen und einfach wahrzunehmen, was sich zeigt, für mich „Wiesenbaden“ getauft. Spannend und entspannend zugleich 😉

Die beiden letzten Rätselnüsse fallen genau in diese Kategorie von Entdeckungen am Wegesrand und in beiden Fällen hatte Claudia den richtigen Riecher, wer sich hinter den ausgefallenen Behausungen verbirgt.

Hinter den Sandtrichtern in der Trockenmauer verbirgt sich ein Wesen, das wirklich aus einem Science Fiction Film stammen könnte und vom Namen her nach Safari klingt: der Ameisenlöwe. Nüchtern wissenschaftlich betrachtet handelt es sich dabei um die Larven von Ameisenjungfern, einem zierlichen, Libellen-ähnlichem Insekt, das zu den Netzflüglern gehört, also z.B. mit den Florfliegen verwandt ist. Seine Larven, die Ameisenlöwen eben, leben in lockerem Sand, wo sie einen Trichter graben und in dessen Zentrum sie darauf warten, dass sich Ameisen oder andere kleine Laufinsekten hinein verirren. Der Sandtrichter ist so gestaltet, dass die Ameisen kaum Halt finden und geradewegs in die Fänge des Ameisenlöwen rutschen. Um dies Sache zu beschleunigen, wirft der Ameisenlöwe auch noch mit Sand nach seinem Opfer, dass es besser abrutscht. Und ganz ehrlich: wenn mir so ein Monstrum mit überdimensionalen Kieferzangen in meiner Größe gegenüberstünde, ich weiß nicht, ob meine Beine noch mitmachen würden… Wer gute Nerven hat, keine Angst vor Insekten und mehr über den Ameisenlöwen erfahren will, dem kann ich nur den Film „Winzige Wunder – Die Wiese des Schreckens“ ans Herz legen. Mit einem Augenzwinkern und schönen Makroaufnahmen wird da die Geschichte der verschiedenen Wiesenmonster erzählt.

So sieht der Ameisenlöwe in Nahaufnahme aus

Unser zweites Rätseltier ist zwar weniger monströs, sonder eher pelzig-niedlich, aber sicher nicht weniger erstaunlich. In dem leeren Schneckenhaus, sorgfältig unter kleinen Stöckchen und welken Nadeln verborgen hat die Zweifarbige Schneckenhaus-Mauerbiene (Osmia bicolor) ihr Nest angelegt. Vom Aussehen her ähnelt sie stark der Gehörnten Mauerbiene (Osmia cornuta), die zu den häufigsten Bewohnern von Nisthilfen mit Löchern und hohlen Stängeln bzw. Röhren zählt. Wie eine sehr kleine Hummel, vorne schwarz, hinten rot sieht sie aus. Auch wenn sie fast aussehen wie Zwillingsschwestern, unterscheiden sich diese zwei Mauerbienenarten in ihrem Verhalten ganz deutlich. Während die Gehörnte Mauerbiene Hohlräume besiedelt und von diesen für gewöhnlich schnurstracks zum Pollen- und Nektarsammeln die Blüten anfliegt, die gerade so in der Nähe blühen, ist ihre Schneckenhaus-bewohnende Schwester viel bodenverhafteter. Sie schwirrt auf der Suche nach Schneckenhäusern und Nistmaterial gerne ganz dicht über dem Boden. Dass Schneckenhäuser ein ganz geeigneter Ort sind, um seine Brut zu schützen, leuchtet irgendwie ein. Da braucht man nicht viel Aufwand zu treiben, ein Nest selbst zu bauen. Aufwand treibt die Schneckenhaus-Mauerbiene allerdings dabei, ihre Nisthäuschen zu verstecken. Das kleine Bienchen schleppt unzählige trockene Pflanzenteile an, solange bis von dem Schneckenhaus nichts mehr zu sehen ist. Dabei offenbart sie ihre Superkraft. Ich habe sie schon Nadeln anfliegen sehen, die drei Mal so lang waren wie sie selbst.

Um euch einen kleinen Eindruck von der Gewissenhaftigkeit der Schneckenhaus-Mauerbiene zu geben: der gelbe Kreis markiert den Bereich, wo das Schneckenhaus unter einem Haufen aus Nadeln und Ästchen verborgen liegt. Der Pfeil deutet auf die kleine Baumeisterin.

Da ist mir die Gartenarbeit gleich viel leichter erschienen. Immerhin war alles, was ich da durch die Gegend getragen habe doch deutlich kleiner als ich. Ein Erklärungsversuch drängt sich bei dem linken Bild auf: vielleicht schleppt nicht die Biene die Ästchen, sondern fliegt auf ihnen wie eine Hexe auf ihrem Besen 😉

In jeden Fall: erstaunliche Wesen. Und wie ihr schon am unscharfen Bild der Biene seht, auch hier war wieder Geduld gefragt, um die Beobachtungen fotografisch festzuhalten. Da lobe ich mir doch den Ameisenlöwen. Der war außerhalb seiner Räuberhöhle so unbeholfen unterwegs, dass ich ihn schnell wieder dorthin getan habe. Einen seiner erstaunlichen Verwandten will ich euch noch ganz kurz vorstellen: den Schmetterlingshaft. Den durfte ich in der letzten Woche zweimal beobachten, einmal bei bewölktem Wetter, einmal bei Sonnenschein. Wie die Ameisenjungfer gehört er auch zu den Netzflüglern und wetterabhängiger kann das Verhalten eines Wesens kaum sein. Die kleinen Sonnenanbeter kommen bei uns nur an sehr sonnigen, trockenen Stellen vor. Bei mir war es ein Trockenhang, an dem ich Orchideen und andere Blütenraritäten anschauen wollte. Bei Sonne schwirrte der ganze Hang voller Libellen-Schmetterlingshafte (Libbeloides coccajus). Kaum zu glauben, dass ich nur ein paar Tage vorher einen ganz regungslos direkt neben dem Weg aus der Nähe betrachtet hatte. Die bei Sonnenschein so munteren Gesellen beißen sich nämlich an Grashalmen fest, sobald es sich bewölkt. Dort verharren sie dann völlig regungslos und scheinen keinerlei Notiz mehr von ihrer Umwelt zu nehmen. Das soll sogar so weit gehen, dass sie verhungern, falls sich die Sonne nicht rechtzeitig wieder zeigt. Lustige Tierchen.

Bei Wolken hat sich der Schmetterlingshaft von mir ganz aus der Nähe ablichten lassen und sich nicht daran gestört, dass ich in aller Ruhe meine Nahlinse montiert und ihm sehr nahe gekommen bin.
Das war bei Sonnenschein schon ganz anders. Da musste ich schnell sein und den richtigen Moment abpassen, als sich einer mal kurz zum Ausruhen niedergelassen hat – natürlich schön aus der Ferne 😉

Unsonniges Wetter ist also nicht unbedingt schlecht, um gerade Insekten zu fotografieren. Da sind die Schmetterlingshafte zwar ein extremes Beispiel, aber auch Schmetterlinge & Co. sind meist etwas gemächlicher unterwegs, wenn es kühler und weniger sonnig ist. Allerdings fallen sie dann auch weniger schnell ins Auge. Ich bedanke mich auf jeden Fall noch einmal bei allen fleißigen Miträslerinnen und wünsche euch weiterhin schöne Beobachtungen 🙂

7 Kommentare zu “Auf Wiesensafari

  1. Ursula
    3. Juni 2021 um 18:13

    Wie immer ein wunderbarer Artikel. Vielen Dank, liebe Haselmaus. Auch ich staune immer wieder. Was die kleine, nahe Natur an wunderbaren Wesen zu bieten hat. Auch die kleinsten Wildpflanzen durch die Lupe betrachtet sind oft schön wie Orchideen.
    Viele Grüße

    • mirjam
      6. Juni 2021 um 16:19

      Ja, da hast du recht. Hinschauen lohnt sich wirklich und Schönheit ist nicht immer groß und auffällig.

  2. Astrid
    6. Juni 2021 um 9:20

    Wow! sehr interessant!

    • mirjam
      6. Juni 2021 um 16:17

      Danke 🙂

  3. 20. Juni 2021 um 16:45

    Die Schmetterlingshaft habe ich noch nie gesehen , eigentlich sehen sie wie kleine Elfen aus -wunderschön. Das Vorleben der zierlichen Ameisenjungfer- hätte ich nicht gedacht, so ein gefährlich aussehender „Löwe“.
    So toll alles geschrieben.
    Gruß Claudia

    • mirjam
      26. Juni 2021 um 16:06

      Danke 🙂 Ja, die Schmetterlingshafte haben wirklich etwas elfenhaftes an sich mit ihrem leichten verspielten Wesen. Ameisenjungfern habe ich selbst noch nicht gesehen, liege aber auf der Lauer. Letztes Wochenende habe ich nämlich entdeckt, dass sich neben der Garageneinfahrt bei uns auch Ameisenlöwen angesiedelt haben. Da gibt es doch immer wieder was zu entdecken.

      • 26. August 2021 um 19:43

        Habe auch endlich einen Ameisenlöwen gefunden. Hoffe kann bald mehr darüber berichten 🙂
        Gruß Claudia

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